Preface

VI
ßende Reinschrift an, die über die Fas-
sungen von „A“ und „B1“ hinausgeht.
WK II teilt diese Quellenlage mit ande-
ren zu Lebzeiten unveröffentlichten
Sammlungen, zum Beispiel mit dem
„Orgelbüchlein“ und den „Achtzehn
Chorälen“.
Zur Edition
Die vorliegende Edition versucht, die
Präludien und Fugen des WK II gemäß
Bachs jeweils letztem Korrekturstand
wiederzugeben. Das Werk insgesamt ist
in einem letztlich unfertigen Zustand
hinterlassen worden. Die Textverbesse-
rungen, die Bach im Laufe der Zeit vor-
nahm, finden sich, wie oben dargestellt,
über mehrere Quellen verstreut. Aus
Sicht des Herausgebers ist eine sorgfälti-
ge Prüfung sämtlicher Lesarten die an-
gemessene Methode, Bachs spätester
Fassung möglichst nahe zu kommen.
Dem Nutzer dieser Ausgabe wird emp-
fohlen, die Bemerkungen am Schluss des
Bandes zu Rate zu ziehen, in denen
Bachs unermüdliches Streben nach Ver-
besserungen seines Textes zusammen-
fassend dargestellt wird. Höchstwahr-
scheinlich hätte der Komponist, eine
weitere Gelegenheit zur Vollendung vor-
ausgesetzt, den Text nochmals radikal
überarbeitet, vielleicht, indem er ihn um
weitere chromatische Passagen, ausge-
schriebene Verzierungen oder aus-
drucksstarke, weniger von der komposi-
torischen Entwicklung der Motive ge-
prägte Elemente bereichert hätte. Der
Ansatz der Neuen Bach-Ausgabe, die
beiden Quellenstränge („A“ bzw. „[B]“)
streng auseinander zu halten, ist als edi-
torischer Kompromiss zwar möglich,
nach Meinung des Herausgebers ent-
spricht das Ergebnis jedoch nicht der
Intention Bachs. Wie oben dargestellt,
vermittelt sich aus den Quellen nämlich
nicht der Eindruck einer beabsichtigten
zweiten Fassung, sondern viel eher ein
beständiges Feilen an der Qualität von
Einzelsätzen und weniger an dem Werk
als Ganzem.
Die vorliegende Ausgabe löst den bis-
her bekannten, 1970 im G. Henle Ver-
lag erschienenen Urtext von Otto von Ir-
mer ab. Obwohl unsere Ausgabe neu ge-
stochen wurde, wahrt sie doch wesentli-
che Aspekte des schon seinerzeit
behutsam gegenüber den Quellen mo-
dernisierten, klaren Notenbildes; außer-
dem wurden Zeilen- und Seitenum-
bruch der Vorgängerausgabe im We-
sentlichen übernommen. Im Übrigen
wurde jedoch der gesamte Notentext
grundlegend revidiert und modernisiert
(einschließlich der Setzung der Vorzei-
chen). Mit runder Klammer werden vom
Herausgeber als notwendig erachtete
Zusätze über die Quellen hinaus ge-
kennzeichnet.
In mancherlei Hinsicht erscheinen
wiederum Modernisierungsmaßnahmen
der vorausgehenden Ausgabe als unan-
gemessen. Nuancen, die durch Notati-
onsgepflogenheiten in Handschriften
des 18. Jahrhunderts vermittelt werden,
insbesondere diejenigen der französi-
schen Tradition, laufen sonst Gefahr
verloren zu gehen. Der Herausgeber
stellt die in den Handschriften nicht im-
mer eindeutige rhythmische Zuordnung
der Noten in der Vertikalen konsequent
klar (siehe zum Beispiel Präludium in
D, Fuge in e, Präludium in Fis, T. 44
und 67 sowie Präludium in g, T. 3, 8, 15
und 21). Davon ausgenommen ist allein
Takt 18 des Präludiums in D, wo die
implizierte ungleichmäßige Verteilung
der Duolen in der Mittelstimme (näm-
lich die erwartungsgemäße Ausführung
von V als v av a) nicht durch den
Befund der Handschriften gestützt wird.
Ein weiterer Bereich, in dem feine
Nuancen eine Rolle spielen, ist die Nota-
tion der Balken bei Achtelnoten. Im All-
gemeinen wird hierbei der Notierungs-
weise Bachs strikt gefolgt, weil sie an
vielen Stellen die gewünschte Phrasie-
rung der zugrunde liegenden melodi-
schen Linie verdeutlicht. Das wird wohl
in der Fuge in g am deutlichsten. Bach
unterscheidet hier in der Balkensetzung
der Achtelnoten ziemlich konsequent
zwischen den wiederholten Noten im
Thema der Fuge (sechs Achtelnoten
werden durch einen Balken zusammen-
gefasst) und denjenigen Achteln, die die
harmonischen Schritte im Bass im Vier-
telmetrum unterstützen (zum Beispiel
T. 24 f.: s s s). Jedoch ist Vorsicht
geboten: Bach hat sicherlich nicht kon-
sequent auf solche notationstechnischen
Feinheiten geachtet, weshalb sich der
Herausgeber bemüht, die auftretenden
Notationsinkonsequenzen auszuräu-
men. Ebenso wird Bachs Pausensetzung
generell übernommen, mit Ausnahme
der punktierten halben Pausen im Prä-
ludium in A, die bei Bach ohne Punkt
(also lediglich als H) notiert sind. Fer-
ner werden zur Verdeutlichung der
Stimmführung einige Pausen ungekenn-
zeichnet ergänzt.
Sämtliche Verzierungszeichen Bachs
wurden für diese Edition ebenfalls
nochmals sorgfältig gegen die Quellen
geprüft. Die Zeichen und stehen
bei Bach gleichbedeutend für den ge-
wöhnlichen Triller. Als Leitfaden zur
Ausführung der verschiedenartigen
Auszierungen kann jene Tabelle (im
Ausschnitt) dienen, die Bach seinem
„Clavierbüchlein“ für Wilhelm Friede-
mann anfügte (siehe Notenbeispiel auf
Seite XIII).
Zu seiner Zeit war Bach dafür be-
kannt, reichlich Verzierungen einzuset-
zen. Zudem zeigen die Handschriften ei-
ne weitere Eigenart der barocken Auf-
führungspraxis: Bekanntlich wurden
Auszierungen nach Gusto angebracht,
und so setzte Bach häufig, wie in den
Bemerkungen dokumentiert, an der
identischen musikalischen Stelle in den
verschiedenen Quellen unterschiedliche
Verzierungszeichen. Die wiedergegebe-
nen Verzierungszeichen unseres Textes
vermitteln also nur einen – hinsichtlich
des konkreten Zeichens wohl nicht im-
mer verbindlichen – Anhaltspunkt, wo
Bach prinzipiell eine Ausschmückung
wünscht; an solchen identischen Stellen,
an denen in den Quellen unterschiedli-
che Verzierungszeichen Bachs vorkom-
men, wird die jeweils komplexeste Form
in den Haupttext übernommen. Unter-
schiedliche Notationsweisen von Vor-
haltsnoten innerhalb der Quellen wer-
den vereinheitlicht und zwar in Form ei-
ner kleinen Note mit Bindebogen.
Lesern, die an weiteren Details von
Bachs Revisionsprozess interessiert sind,
sei die Monographie des Autors The Ge-
nesis and Early History of Bach’s Well-
Tempered Clavier, Book II: A Composer
and His Editions, c. 17381850 (Alder-
shot: Ashgate, in Vorbereitung) empfoh-
a
c