Preface

V
reichste Musikkritiker und -theoretiker
seiner Generation) – Schüler Bachs von
17391741. Eine Handschrift Agricolas
ist in diesem Zusammenhang von be-
sonderem Interesse: 1738 kopierte er die
vier Fugen in C, c, D und d (Staatsbibli-
othek zu Berlin, Mus. ms. Bach P 595),
bei denen es sich um frühe Fassungen
der Fugen in Cis, c, Es und d zum Wohl-
temperierten Klavier II handelt. Diese
Tatsache legt nahe, dass sich das Werk
im Wesentlichen aus ursprünglichem
Unterrichtsmaterial Bachs für seine
Schüler zusammensetzt. So stellen
nachweislich elf der 48 Sätze – fast ein
Viertel der Sammlung – Überarbeitun-
gen früherer Fassungen dar, und wahr-
scheinlich trifft dies auch für weitere
Stücke zu, für die es noch gilt, die Vor-
läufer aufzufinden.
Quellenstrang B (das verlorene Auto-
graph „[B]“ und seine Abschriften)
Das Fehlen einer verbindlichen Rein-
schrift bedeutet unter anderem auch,
dass wir nicht wissen, wie Bach diese
zweite Sammlung eigentlich bezeichne-
te. Wie bereits erwähnt, fehlt für „A
das Titelblatt. Die von „A“ abhängigen
Abschriften legen sogar nahe, dass Bach
für Teil II nie einen Titel verfasste. Die
früheste Abschrift mit Titelseite, Quelle
„B1“, stammt von Bachs späterem
Schwiegersohn Johann Christoph Altni-
ckol, den er ab 1744 unterrichtete
(Staatsbibliothek zu Berlin, Mus. ms.
Bach P 430). Seiner sorgfältig herge-
stellten Reinschrift stellt Altnickol den
folgenden Sammeltitel voran: Des Wohl-
temperirten Claviers / Zweyter Theil /
besthehend / In / Præludien und Fugen /
durch / alle / Tone und Semitonien /
verfertiget / von / Johann Sebastian
Bach, / Königlich Pohlnisch und Chur-
furstl. Sächs. / Hoff Compositeur
Capellmeister / und Directore Chori
Musici / In Leipzig. Obwohl sehr viel
schlichter als Bachs Formulierung für
Teil I, dürfte diese knappe Beschreibung
des Werks doch vom Komponisten
selbst stammen. Altnickol signierte und
datierte seine Abschrift am Schluss der
letzten Fuge: Scr[ipsit] Altnickol /
a[nn]o. 1744. Diese Quelle „B1“ stellt
nicht nur die früheste komplette Ab-
schrift von Teil II mit Titelseite dar, sie
dokumentiert darüber hinaus drei wei-
tere, textkritisch bedeutsame Eigenhei-
ten. Erstens benutzte Altnickol als Vor-
lage nicht das Londoner Autograph
„A“, sondern ein anderes, inzwischen
verlorenes Autograph „[B]“. Zweitens
hat Bach offenbar Altnickols Abschrift
überwacht und ihm während des Ko-
piervorgangs Anweisungen zu Änderun-
gen im Notentext gegeben. Schließlich
enthält „B1“ zahlreiche Korrekturen,
die von Altnickols Berichtigungen eige-
ner Schreibfehler bis hin zu späteren
musikalischen Verbesserungen reichen,
von denen einige eindeutig von der
Hand Bachs stammen.
Zu Punkt eins: Zunächst ist wichtig
zu verstehen, warum Bach sein Augen-
merk vom 1742 fertig gestellten Londo-
ner Autograph „A“ auf den Manuskript-
satz „[B]“ richtete, der zu diesem Zeit-
punkt vermutlich aus weit fortgeschrit-
tenen Entwürfen und Skizzen bestand.
Alfred Dürr vermutet, dass Bach in der
Zeit zwischen 1742 und 1744 Quelle
„A“ vielleicht seinem ältesten Sohn Wil-
helm Friedemann gegeben hatte, dessen
handschriftliche Zusätze auf einigen
Seiten identifiziert werden können, und
dass Bach dadurch gezwungen war, das
unvollständige andere Manuskript auf
denselben Stand wie „A“ zu bringen. Es
ist aber auch möglich, dass Bach eine
weitere komplette Abschrift in Händen
haben wollte, da er normalerweise sein
persönliches Referenzexemplar nicht an
Schüler auslieh. Wie auch immer – noch
bevor Altnickol mit seiner Abschrift be-
gann, war seine Vorlage offenbar bereits
über den Stand von „A“ hinaus aktuali-
siert. Bei seiner Revision fügte Bach alle
Sätze aus „Stadium 3“ hinzu und erwei-
terte zwei Sätze aus „Stadium 1“, näm-
lich das Präludium in d um einen Ein-
schub von acht Takten und die Fuge in e
um eine 16-taktige Verlängerung des
Schlussteils. 1744 war dieser autogra-
phe Manuskriptsatz „[B]“ wohl die ak-
tuellste Niederschrift im Hause Bach;
allerdings weisen bereits viele Sätze aus
„A“ diesen spätesten Textstand auf.
Bach revidierte also offensichtlich bei
der Anfertigung des neuen Konvoluts
nicht jeden Satz.
Zu Punkt zwei: Bachs Kopieranwei-
sungen für Altnickol füllen eine wichtige
Lücke in unserem Wissen über den Zu-
stand des – verlorenen – Bachschen Au-
tographs „[B]“. Altnickol wurde näm-
lich beispielsweise instruiert, die Fuge in
b sowie das Präludium in h in doppelte
Notenwerte umzuschreiben, wie es Bach
selbst im Londoner Autograph getan
hatte, also von 4 zu 1 bzw. 3 zu X. Dies
belegt indirekt Bachs Bestreben, Altni-
ckols Abschrift als aktuelle Reinschrift
anzulegen.
Zu Punkt drei: Die Deutung der
Überarbeitungen aus späterer Zeit ist
schwierig, weil „B1“ nicht nur von Alt-
nickol und Bach gründlich revidiert
wurde, sondern auch von einem seiner
späteren Besitzer, Friedrich August
Grasnick (17951877). Dieser übertrug
Lesarten des Handexemplars von Jo-
hann Philipp Kirnberger (Staatsbiblio-
thek zu Berlin, Am. B. 57) in die Hand-
schrift und mischte damit Lesarten der
Manuskript-Stränge A und B. Für die
vorliegende Ausgabe wurden sämtliche
erkennbaren Korrekturschichten in
„B1“ systematisch untersucht, und zwar
im Hinblick auf Kalligraphie, Charakte-
ristika der verwendeten Federn und
Tintenfarben sowie auf deren stemmati-
sche Herkunft und musikalischen Cha-
rakter. Das wichtigste Untersuchungser-
gebnis ist dabei die Entdeckung einer
weiteren Revisionsschicht Bachs, die
sich ausschließlich in „B1“ findet. Sie
zeigt in faszinierender Weise, wie Bach
Altnickol unterrichtete. Die Ergebnisse
sind detailliert in den Bemerkungen am
Bandende ausgeführt; erwähnt sei an
dieser Stelle deshalb nur, dass ab 1744
der zweite Autographensatz „[B]“ und
Altnickols Kopie „B1“ von 1844 die
beiden wichtigsten Quellen in Bachs
Besitz wurden, von denen sich seine
anderen Schüler dann Abschriften an-
fertigten.
All diese Beobachtungen zeigen, dass
der Korrekturprozess für Bach letztlich
nie abgeschlossen war. Er setzte sich bis
in die Schülerabschriften fort. Bachs
„letzten Willen“ für jedes Präludium
und jede Fuge festzulegen, stellt daher
eine große Herausforderung dar. Soweit
feststellbar, fertigte er keine abschlie-