Preface
V
Vorwort
Aus der engeren Familie Johann Sebas-
tian Bachs sind drei Notenbücher über-
liefert, die gemeinhin Klavier- oder
Notenbüchlein genannt werden und eine
Art musikalischer Stammbücher dar-
stellen: das Clavierbüchlein vor Wilhelm
Friedemann Bach (1720) und die bei-
den Notenbücher von 1722 und 1725
für Anna Magdalena Bach. Das in dieser
Ausgabe vorgelegte Notenbüchlein von
1725 ist im Original ein besonders auf-
wändig ausgestattetes Bändchen im
Querformat mit pergamentüberzogenem
Einband und Goldschnitt. Es trägt die
vergoldeten Initialen A.M.B. 1725. Das
Notenbüchlein ist ein Geschenk Johann
Sebastians für seine als Sängerin ausge-
bildete junge Frau Anna Magdalena, die
er 1721 in zweiter Ehe geheiratet hatte.
Bach selbst eröffnet den Band mit
der Reinschrift der großen Partiten in
a-moll BWV 827 und e-moll BWV 830.
Im Anschluss daran folgen dann in zu-
fälliger Anordnung Beiträge verschiede-
ner Schreiber und Komponisten; dazwi-
schen sind immer wieder Kompositio-
nen Bachs eingestreut. Viele kleinere
Klavierstücke und Choral- und Lied-
bearbeitungen stammen von zeitgenös-
sischen Komponisten und den Söhnen
Bachs. Diese Beiträge sind durchweg im
neuen musikalischen Stil des Nachba-
rock und der Vorklassik gehalten und
spiegeln den gegenüber den Komposi-
tionen J. S. Bachs veränderten musikali-
schen Geschmack der Zeit wieder. Vieles
war sicherlich für den Hausgebrauch
der Sängerin Anna Magdalena be-
stimmt, anderes mag im Zusammen-
hang mit der musikalischen Erziehung
der Kinder zu sehen sein. So werden
zum Abschluss des Notenbüchleins
(Nr. 44 und 45) die wichtigsten Regeln
zur Ausführung des Generalbasses auf-
geführt. Neben Anna Magdalena treten
als Schreiber auf: Johann Sebastian bei
Nr. 1, 2, 20b, 21 und 39; Carl Philipp
Emanuel bei Nr. 16 bis 19; Anonymus I
Nr. 12; Anonymus II Nr. 20 und 32; An-
onymus III Nr. 37; Anonymus IV Nr. 44.
Außer den schon erwähnten Partiten ist
der Eintrag zweier französischer Suiten
Johann Sebastians, d-moll BWV 812
und c-moll BWV 813 – letztere nur im
Fragment –, hervorzuheben. Die Parti-
ten und Französischen Suiten nehmen
hinsichtlich Umfang und spieltechni-
schem Anspruch eine Sonderstellung im
Notenbüchlein ein. Wir verzichten in
dieser Ausgabe deshalb auf den Ab-
druck und verweisen auf die bereits
separat erschienenen Henle-Ausgaben
der „Sechs Partiten“ und der „Fran-
zösischen Suiten“.
Hauptquelle ist das oben beschriebe-
ne Original des Notenbüchleins, das un-
ter der Signatur P 225 in der Staatsbi-
bliothek Preußischer Kulturbesitz Ber-
lin aufbewahrt wird. An einigen Stellen
ist die Quelle im Laufe der Zeit nahezu
unleserlich geworden. Hier ließ sich der
Text mit Hilfe älterer Ausgaben ermit-
teln. Zur Korrektur von Schreibfehlern
und Klärung fragwürdiger Lesarten
wurden bei einigen Stücken weitere
Quellen zum Vergleich herangezogen.
Über Besonderheiten der einzelnen
Kompositionen, Autorschaft, Quellen-
situation und Lesarten geben die Be-
merkungen am Ende des Bandes Aus-
kunft. In Klammern gesetzte Zeichen
fehlen in der Quelle.
Bei den Liedern, Chorälen und Arien
sind in der Quelle lediglich Sopran und
Bass notiert. Ergänzende Mittelstimmen
ebenso wie die Aussetzung des Basses
bei verschiedenen Nummern sind in un-
serer Ausgabe im Kleinstich hinzuge-
fügt. Der Begleitsatz zu Nr. 34 (Rezita-
tiv „Ich habe genug“ und Arie „Schlum-
mert ein“) lehnt sich an den Orchester-
satz der Kantate „Ich habe genug“
BWV 82 an. Die Lieder 25, 37 und 41
werden in unterschiedlichen Fassungen
abgedruckt. Für den Gesangsvortrag ist
der Solostimme ein selbstständiger Be-
gleitsatz unterlegt; für den reinen Kla-
viervortrag wird ein Satz angeboten,
bei dem die Melodie in der rechten
Hand des Klaviers geführt wird.
Zur Ausführung der Verzierungen
vergleiche man die Zusammenstellung
der wichtigsten Zeichen, so wie sie
J. S. Bach selbst im Clavierbüchlein vor
Wilhelm Friedemann Bach (Library of
the Yale School of Music, Yale Univer-
sity, New Haven, Connecticut, USA)
niedergeschrieben hat (siehe Seite VII).
München, Frühjahr 1983
Ernst-Günter Heinemann
Preface
Three notebooks have come down to us
from the Bach household: the Clavier-
büchlein vor Wilhelm Friedemann Bach
(1720) and the two “Musical Note-
books” for Anna Magdalena Bach
(1722/1725). Each may be regarded as
constituting a kind of family musical
album. The original of the 1725 “Note-
book” is lavishly laid out in broadside
format with gilt-edged vellum-covered
binding. Bearing the initials A.M.B.
1725, it was Johann Sebastian’s person-
al gift to his second wife, the young
Anna Magdalena, an educated singer,
whom he married in 1721.
Bach himself opens the book with the
fair copy of the great partitas in a minor
(BWV 827) and e minor (BWV 830).
These are followed by contributions
made by various writers and composers
not arranged in any specific order and
frequently interspersed with Bach’s own
compositons. Many of the shorter pieces
as well as a large number of the chorale
and vocal arrangements originate from
Bach’s contemporaries and sons. These
contributions maintain consistency in
the new, post-baroque and oncoming
pre-classical styles besides reflecting the
change in musical taste then in vogue as
compared with the music of J. S. Bach.
Many of the compositions contained in
this “Notebook” were doubtlessly in-
tended to serve the domestic musical
needs of Anna Magdalena as a vocalist,
whereas other items may be looked
upon as having fulfilled an educational
purpose in the musical instruction of the
children. Thus at the close of the “Note-
book” (nos. 44 and 45) the principal